Kabarettistin Lisa Eckart im Interview

Die Kabarettistin Lisa Eckart im Interview mit BÖGAZIN: Vor ihrem Auftritt „Der Vorteil des Lasters – ungenierte Sonderausgabe“ am 09.10.2022 in Berlin hatten wir die Gelegenheit, die Kabarettistin und Schriftstellerin Lisa Eckart in der Garderobe vom Tipi am Kanzleramt zu einem spontanen Interview zu treffen.

Worüber unsere Kulturredakteurin Susanne Johannes mit der umstrittenen Kabarettistin gesprochen hat, lesen Sie in unserem Interview in der Rubrik „Kunst & Kultur“.

Niemals könnte man sie sich in einem Kapuzenpulli auf der Bühne vorstellen, geschweige denn, wie sie Jugendsprache spricht oder sich mit ihren Pointen beim Publikum anbiedert.

Zitat: SZ Magazin, 08. September 2022

Kabarettistin Lisa Eckart im Interview mit BÖGAZIN

Wie bereits eingangs erwähnt, hatten wir vor der Vorstellung „Der Vorteil des Lasters – ungenierte Sonderausgabe“ am Sonntag, 09.10.2022, im Tipi am Kanzleramt die Gelegenheit, die Kabarettistin Lisa Eckart kurz vor ihrem Auftritt in ihrer Künstlergarderobe zu einem persönlichen Interview zu treffen.

Da die sympathische Künstlerin, die sich bei Auftritten in der Öffentlichkeit normalerweise sehr zurückhaltend gibt, noch ungeschminkt war, bat sie uns, auf Fotoaufnahmen und Videoaufzeichnungen zu verzichten. Dies ist auch der Grund, warum das Kabarettistin Lisa Eckart Interview nur als Audioaufzeichnung existiert und so in schriftlicher Form veröffentlicht werden kann.

Kabarettistin Lisa Eckart Interview vor der Show

In ihrem Interview hat unsere Redakteurin Susanne Johannes versucht, einigen Dingen auf den Grund zu gehen.

Kindheit & Studium

Frau Lisa Eckart, Sie sind bei Ihren Großeltern aufgewachsen und sind erst im Alter von 6 Jahren zu Ihrer Mutti gezogen, die zum Zeitpunkt Ihrer Geburt noch Lehramtsstudentin war. Sie wollten eigentlich auch Lehrerin werden.

Ja

Warum sind Sie es denn nicht geworden?

Ich hab gemerkt, dass Kinder das falsche Zielpublikum sind für mich. Also die haben doch noch mehr Persönlichkeitsrechte. Es wird penibel darauf geachtet, dass man sie seelisch nicht beschädigt. Und mir war es wichtig, dass mein Publikum all seine Rechte auf leibliche und geistige Unversehrtheit an der Garderobe abgibt. Und das ist nun mal leider nur bei Erwachsenen so. Deswegen musste ich da eben so, ja ein bisschen wechseln. So wurde es letztlich die Bühne.

Sie sind nach Ihrem Studium für ein Jahr nach London gegangen, haben dort Französischunterricht gegeben. Sie haben dann wie gesagt festgestellt, dass der Beruf Lehrer doch nicht das Richtige für Sie ist und sind dann nach Berlin gekommen. Ihr erstes Thema der Masterarbeit ist ja dann nicht so durchgekommen:

Ja

Sind Sie darauf hin angesprochen worden und haben Sie sich dann selbst ein anders Thema gesucht oder wie ist das gelaufen?

Ich war Studentin der Germanistik. Deswegen hat man mir ans Herz gelegt, mich mit der Literatur zu beschäftigen und nicht einen fächerübergreifenden Bastard zu kreieren aus Geschichte, Literatur, Psychoanalyse, was zudem noch bei den Prüferinnen eine verpönte Disziplin war. Deswegen war das eigentlich zum Scheitern verdammt. Außerdem war die Masterarbeit in einem glaube ich sehr exzentrischen Französisch verfasst, was nicht zuträglich war der ganzen Geschichte.

Hat die Kabarettistin Lisa Eckart Vorbilder?

Das zweite Thema war ja die Beschäftigung mit dem Teufel in der Literatur. Sie verehren Goethe, Sie mögen den Faust. Sie sprechen ja auch immer noch in diesem Stil. Außerdem habe ich gehört, dass Sie Frau Jelinek sehr verehren, auch Herrn Kinski und Falco als Vorbild haben. Was fasziniert Sie an diesen Personen so, dass Sie beschlossen haben, dies mit einzuarbeiten?

Also ich muss dazu sagen, mit stetigem Erfolg und Größenwahn habe ich aufgehört, von Vorbildern zu reden, sondern von Vorerkrankungen, weil ich sie nicht abwaschen kann. Sie sind da und es prägt einen, ob man will oder nicht. Es ist nichts, dem ich bewusst hinterher eifere, sondern es sind all diese Figuren, die sich eingeschlichen haben ins eigene Werk.  Man kann nichts rein aus sich selbst schaffen, das geht leider nicht. Das möchte die Eitelkeit zwar, aber es funktioniert leider nicht. Es sind verschiedene Mosaiksteine und bei all diesen Figuren fasziniert mich etwas anderes. Man sucht sich das so zusammen und es ergibt sich dann letztendlich. Ich war nie ein Freund der Idee einer wahnsinnigen Individualität, die sich aus sich gebiert. Aber es ist einfach die Zusammenstellung von Einflüssen, die man auf sich hat einprasseln lassen. Mehr oder minder freiwillig und das ist so aus verschiedenen Gründen.

Wie enstehen Ihre Programme?

Wenn Sie Ihre Texte oder Programme erarbeiten – wie tun Sie das? Setzen Sie sich bequem aufs Sofa, gehen Sie in die Natur, setzen Sie sich ans Wasser, beobachten Sie Leute oder wie kann ich mir das vorstellen?

Die Natur ist es schon mal nicht. Also ich vermeide die Natur um jeden Preis. Also ich glaube, die Natur und ich – wir sehen uns gegenseitig als einen Fehler an. Auch Leute beobachten tue ich nicht bewusst. Gott sei Dank sind da einige Schleusen ständig offen, dass das einfach so abgespeichert wird – ihr Verhalten – und ich kann es dann beim Schreiben abrufen. Ich muss mich nicht extra ins Café setzen und sie da beobachten. Die Ruhe habe ich einfach nicht. Außerdem kann ich nicht still sitzen und da ist auch das Sofa schon ausgeschlossen, weil ich jetzt immer in Bewegung sein muss. Ich muss immer einen Kinderwagen vor mir herschieben und meine Texte im Gehen schreiben. Was ich früher nie gemacht habe. Ich dachte früher immer, diese Aussage, dass man nur im Gehen denken kann –  von Nietzsche, aber es gab ja auch andere Große, die das verfochten haben – sei grundfalsch. Ich stelle jetzt aber fest, wo ich zum Gehen und Denken gezwungen bin, ist es doch eine verdammt gute Kombination.

Hat die Kabarettistin Lisa Eckart ein Kind?

Sie schieben einen Kinderwagen vor sich her. Ihr Sohn ist ein Jahr und 2 Monate alt. Läuft er denn nicht lieber an Mamas Hand? Oder lässt er sich gerne nach wie vor durch die Gegend schieben?

Er lässt sich gern durch die Gegend schieben. Zu seiner Verteidigung und zu meinem großen Stolz: er kann auch nicht gehen. Und ich hab den Eindruck, er intendiert, es nicht zu lernen. Er hat meine Gemütlichkeit und mein sowieso motorisches Untalent geerbt. Möglicher Weise liegt es auch daran, dass ich immer mit ihm auf Tour bin. Er merkt, er bereist ohnehin die Welt. Es wird auf zwei Füßen nicht schneller gehen als das, was ich mit ihm da durchwandere. Also ich sehe da auch für ihn keinen Antrieb. Ich glaube, Kinder lernen schnell gehen, wenn sie zu Hause allein mit der Mutter sind und hoffen, dadurch ausbrechen zu können. Ich glaube, er wünscht sich eher Gemütlichkeit. Und die strahlt er auch aus.

Sie sind ja auch relativ schnell nach der Geburt Ihres Sohnes auf die Bühne zurückgegangen. Sie haben also nicht die normale Elternzeit, wie das jetzt üblich ist,  genommen, sondern sind gleich wieder auf Tour gegangen. Er kennt das wahrscheinlich überhaupt gar nicht anders und ist immer dabei Wie kann ich mir das vorstellen, wenn Sie im Programm sind. Ist Ihr Partner dabei oder eine Nanny, der sich dann in der Zeit, wo Sie auf der Bühnen stehen, um ihn kümmert?

Mein Programm ist technisch nicht so anspruchsvoll. Da kann man das gern einem Techniker überlassen. Es findet sich immer jemand. Dadurch ist er auch ein wahnsinnig geselliger Genosse, weil eigentlich immer jemand anderer auf ihn aufpasst. Ich versuche, vorher sicher zu gehen, dass es kein verrückter Fan ist, der sich sagt (Lachen): „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen stehle ich der Eckhart ihr Kind“  Also ich pass schon sehr auf. Aber es ist schön, dass er so ein Kaleidoskop an Menschen um sich hat, die sich da um ihn kümmern. Deshalb hat er ein sehr sonniges Gemüt, habe ich den Eindruck.

Spricht er denn schon? Weil er Mamma und so viele Leute immer um sich herum hat und viele andere Sprachen hört?

Nein, er spricht überhaupt nicht. Was mich verwundert, weil ich dachte, da ist doch so eine gewisse Sprachaffinität. Aber wahrscheinlich ist das auch sehr hemmend, weil er denkt, jetzt ist ein großer Druck da. Wenn zu Hause nur sehr elaboriert gesprochen wird. Ich bin ja ein sehr schweigsamer Mensch abseits der Bühne. Womöglich liegt es auch daran, weil ich Sprache zu hoch schätze als damit nur zu kommunizieren und Small Talk zu betreiben. Also man bekommt weniger aus mir heraus in Alltagssituationen, in die ich mich idealerweise sowieso nicht begebe. Deswegen kann es auch sein, dass er letztlich sehr wenig hört. Und ich bin auch nicht jemand, der das absichtlich befördert. Ich genieße das wahnsinnig – diese sprachlose Kommunikation mit ihm. Schwierig wird es, glaube ich, wenn er spricht, weil sich dann das Begehren so auffächert und er selber nicht mehr weiß, was er will. Sprachlos weiß er es aber ganz genau und er ist, glaube ich, sehr glücklich. Und dieses Glück wird zerschellen mit dem ersten Wort. Es bricht mir jetzt schon das Herz, wenn ich das dann sehe in seinen Augen.

Ich vermute mal, es wird dann ein ganzer Wortschwall, weil dann die ganzen Worte, die er so gesammelt hat, auf einmal heraus wollen. Aber ich komme jetzt zurück auf Ihr Programm. Lernen Sie es auswendig?

Was wäre die Alternative?

Auswendig ja, aber so ein bisschen Abwandlung, vielleicht auf Zurufe von den Zuschauern eingehend?

Nein. Das ist schon im Kopf. Ich glaube, ich kann reagieren auf die Leute, so mir der Sinn danach steht. Aber die Leute müssen schon spüren, dass ich die Zügel in der Hand hab. Ich glaube, wenn man das bemerkt; das hat auch nichts Charmantes mehr. Sondern es ist den Leuten unangenehm, wenn sie den Eindruck haben, da oben ist ein betrunkener Kapitän am Steuer. Das geht als Betrunkener noch in Ordnung, solange man seinen Text behält. Aber ich weiß, dass manche Kollegen ja so hoffen, authentisch rüberzukommen – wo man versucht, die Höhe dieser Bühne aufzuschütten und möglichst auf Augenhöhe so zu tun, als habe man den Text vergessen oder er würde einem gerade erst einfallen. Das möchte ich nicht. Ich möchte ja die Leute auch nicht betrügen um ihr Geld. Was, finde ich, ist sie wert, die Eintrittskarte, wenn ich vorher nicht meine Arbeit gemacht hab. Und die sollen sie sehen, dass sie geleistet wurde. Ansonsten fände ich das ja wirklich als Betrug und Etikettenschwindel, wenn ich da einfach daher brabble stundenlang. Jetzt spontan und einfach, was mir in den Sinn käme. Also ich als Zuschauer würd mein Geld zurück verlangen.

Was bringt die Kabarettistin Lisa Eckart zum Schwitzen?

Sie wirken immer so clean. So kontrolliert, was Sie dann immer auch sind. Was bringt Sie dazu, vielleicht auf der Bühne doch einmal ein wenig zu schwitzen, zu transpirieren oder durcheinander? Gibt es etwas, das Sie durcheinander bringt?

 Ja, aber nicht so auf der Bühne. Auf der Bühne ist alles klar, weil da ist einer vor mir: eine Masse von Menschen, die sich in der Regel leichter zähmen lässt als Individuen. Also schwierige Situationen sind nur Eins zu Eins auf Augenhöhe im Hellen, am Tag und das meist mit Menschen, die ich kenne. Also auch keine Fremden auf der Straße. Ich tue mich schwer mit sozialer Interaktion, was manchen ganz, ganz einfach fällt. Also so ganz kleine Gespräche, die mich tagelang zweifeln lassen, ob das gepasst hat oder ob ich einen Patzer oder Hänger hatte – was mir auf der Bühne nie einfallen würde. Und was auf der Bühne auch einfach nicht passiert (lach), aber in dem, was manche als das echte Leben bezeichnen würden, was ich schon mal dementiere (lach), da extrem. Da sind sehr viele verschwitzte Situationen.

Sie lesen Ihrer Mutter Ihre Texte vor, bevor Sie sie auf der Bühne bringen. Sie ist quasi Ihre Kontrollinstanz. Was passiert wenn sie dann sagt „So dann vielleicht nicht“. Sagt sie das laut, merken Sie das an einer Reaktion von ihr oder wie kann ich mir das vorstellen?

Ich merke das, wenn das Lachen ausbleibt. Lachen kann sie nicht künsteln. Dann fliegt es raus. Natürlich, mittlerweile ist sie mit mir so gleichgeschaltet, dass ich mich nicht mehr vollends darauf verlassen kann und hab versucht, ihre Zensorstelle in meinem Kopf zu übernehmen. Das ist jetzt die Stimme von meinen drei „M“, wie ich immer sage: „Mann, Mutter, Manager“. Ich es kann deren Position jetzt schon künstlich rekonstruieren und muss es eigentlich niemandem mehr vorlesen. Das ist sehr erleichternd, dass ich mich dahingehend abgeschottet habe. Möglich ist das ein weiterer Schritt in den Wahnsinn. Aber für mich scheint es jetzt heilsam zu sein, dass ich nicht immer krampfhaft vorher diese Personen ablaufen muss, sondern das eigentlich simulieren kann. Und ich glaube, es funktioniert ganz gut.

Ist die Kabarettistin Lisa Eckart verheiratet?

Sie sagten gerade: erstes M Mann. Frau Eckart, sind Sie verheiratet?

Soweit ich mich erinnern kann – ja (lach). Und sofern da alles richtig abgelaufen ist. Ich bin da schlecht in der Bürokratie. Ich wusste auch lange nicht, was ist die Staatsbürgerschaft meines Sohnes. Insofern kann es sein, dass es auch bei meinem Status irgendwas anders ist,  als ich mir das denke. Aber ich glaube schon – ja.

Staatsbürgerschaft Sohn – Deutsch, weil in Deutschland geboren?

Beides

Das ist natürlich toll. Ja das hat viele Vorteile.

Bin schon neugierig, welche – aber ja.

Wo wohnt Lisa Eckart?

Sie leben jetzt seit 5 Jahren in Leipzig, nachdem Sie vorher in Graz, Wien, Paris, London, Berlin gelebt haben. Wie lebt es sich in Leipzig und wie sind Sie auf Leipzig gekommen?

Dahin wurde ich verschleppt. Ich war auch an einem Punkt, wo es mir relativ egal war, weil ich nicht mehr leben musste, sondern nur noch geschrieben hab. Und dafür ist Leipzig eigentlich die perfekte Kulisse, weil es schön ist, aber sich nicht aufdrängt. Berlin und vor allem Paris, sind so gut wie nicht lebbar, weil sie halt selbst so starke Charaktere und Persönlichkeiten sind, dass es einem unmöglich ist, dort eigentlich einen glückseligen Moment zu verbringen. Weil es einen derartigen Druck auf einen ausübt. Leipzig ist da bescheidener; pittoresk, aber bescheiden. Also ideal. Wenn ich meine Dosis brauche, dann hat man immer noch das Völkerschlachtdenkmal. Es hat schon seine Ausschläge der Eitelkeit. Die finde ich auch großartig. Aber ansonsten ist es eine perfekte Kulisse.

Frau Eckart, ganz herzlichen Dank. Hat mich wahnsinnig gefreut.

Mich auch.

 

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