Lisa Eckart „Die Vorteile des Lasters – ungenierte Sonderausgabe“

„Die Vorteile des Lasters – ungenierte Sonderausgabe“ – Die Kabarettistin Lisa Eckart polarisiert das Publikum wie keine andere ihres Fachs. Der eine fühlt sich angegriffen und lehnt sie ab, der andere hört genau hin und findet Wahrheiten in ihrem Gesagten.

Unsere Kultur-Redakteurin Susanne Johannes hat sich vorurteilsfrei ins „Tipi am Kanzleramt Berlin“ begeben, um sich ihr eigenes Bild zu machen. Vor der Vorstellung hat Sie sich zu einem persönlichen Interview mit Lisa Eckart getroffen. Ihre ganz persönlichen Eindrücke lesen Sie in unserem Beitrag aus der Rubrik „Kunst und Kultur“.

Lisa Eckart in Berlin im Tipi im Kanzleramt

Lisa Eckart gastiert drei Tage vom 7. bis 9. Oktober 2022 mit vier Vorstellungen in Berlin im „Tipi am Kanzleramt“. An den drei Abenden ist die Kabarettistin mit ihrem überarbeiteten Programm „Die Vorteile des Lasters – ungenierte Sonderausgabe“ on Stage.

Am Sonntag liest sie zusätzlich um 12:00 Uhr aus ihrem neuen Buch „Boum – das Kabarett zum Buch“.

Ich habe also am Sonntag die Qual der Wahl, entscheide mich aber für das Abendprogramm.

Aber vorab bewegt mich die Frage:

Wer ist Lisa Eckart? – Versuch einer Annäherung

Lisa Eckart wird als Lisa Lasselsberger am 6. September 1992 in Leoben (Steiermark) geboren. Da ihre Mutter noch studiert, wächst sie bis zum 6. Lebensjahr bei ihren Großeltern in Sankt Peter-Freienstein auf. Lisa ist eine sehr gute Schülerin und macht 2009 in Graz ihre Matura mit einem Durchschnitt von 1,0.

Sie studiert Germanistik und Slawistik an der Sorbonne Nouvelle in Paris, unterrichtet danach ein Jahr Französisch in London und zieht dann nach Berlin. Ihr zweijähriges Masterstudium an der Freien Universität Berlin beendet sie erfolgreich. In ihrer Masterarbeit beschäftigt sie sich mit der Figur des Teufels in der deutschsprachigen Literatur.

Allerdings wollte sie ursprünglich über das Thema „Weiblichkeit und Nationalsozialismus“, ausgehend von Joseph Goebbels’ Tagebüchern schreiben, was abgelehnt wurde. Das sollte nicht ihre letzte Provokation bleiben.

Lisa Eckart und ihr Weg auf die Bühne

Nach dem Studium zieht es Lisa Lasselsberger auf die Bühne. Sie spricht auf Schauspielschulen vor und entdeckt Poetry-Slam für sich. Ihre Mutter ist ihre Kontrollinstanz: Lisa spricht ihr vorab all ihre Texte am Telefon vor. In der Öffentlichkeit nennt sie sich jetzt Lisa Eckart. Eckart heißt ihr Vater mit Nachnamen.

Im Jahr 2015 gewinnt Lisa Eckart als zweite Frau die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften. In den deutschen Meisterschaften scheitert sie nur durch Losentscheid.

Im November debütiert sie mit ihrem ersten Kabarett Solo Programm „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“ unter anderem im Wiener Theater am Alsergrund.

Sie ist in verschiedenen TV-Sendungen sowohl in Österreich als auch in Deutschland zu sehen. Seit dem Sommer 2019 ist sie regelmäßig zu Gast in der ARD-Kabarettsendung „Nuhr im Ersten“.

Schriftstellerin Lisa Eckart – Harbour-Front-Literaturfestival

Ihr Roman „Omama“ mit steirischen „Ein-Satz-Milieustudien“ steht 2020 auf verschiedenen Bestsellerlisten in Deutschland und Österreich. Das Buch eckt an, wird kontrovers diskutiert und von den Literaturkritikern sehr unterschiedlich aufgenommen.

Die Schriftstellerin Lisa Eckart ist eingeladen, beim Hamburger Literaturfestival Harbour Front im September 2020 aufzutreten.

Dann berichtet als erster der „Spiegel“ am 05. August 2020, dass ihr Auftritt seitens des Festivals abgesagt wurde. Die Begründung war, dass angeblich die Sicherheit der Künstlerin und des Publikums nicht gewährleistet werden könne. Es gäbe wohl angekündigte Proteste gegen ihre Teilnahme am Festival, es sei sogar mit Straßenschlachten zu rechnen.

An Polizeischutz sei nicht zu denken, um die Situation nicht noch mehr zu eskalieren. Die Drohungen stellten sich im Nachherein als falsch heraus, es habe nur „Warnungen“ aus der Nachbarschaft gegeben.

Dieser Vorgang wirft vor allem eine Frage auf: Wie steht es um die Meinungsfreiheit, nicht nur in der Kunst?

Vorhang auf für die Kabarettistin Lisa Eckart

Es geht los…Pünktlich betritt Lisa Eckart die Bühne im ausverkauften Tipi am Kanzleramt.

Äußerlichkeiten – Kleidungsstil

Nie würde Lisa Eckart in schlampigen Klamotten vor ihr Publikum treten. Sie trägt Designerkleidung zum Beispiel von Versace und Moschino. Ihre blonden Haare sind perfekt frisiert. Oft zieren die glamourösen Wasserwellen ihren Kopf, die in den 30er und 40er Jahren so angesagt waren. Oder sie zeigt sich in edlen Dessous, im Korsett, in das sie sich sprachlich nicht zwängen lässt.

Sprachstil und Inhalt

Lisa Eckart nimmt auch keine Jugendsprache in den Mund, um sich beim Publikum anzubiedern. Ihre Sätze sind lang, sie nutzt altmodische Worte. Die Künstlerin lässt sich nach eigenen Aussagen von Goethe inspirieren, aber auch von Elfriede Jelinek und Klaus Kinski. Ihr Vorbild ist ihr viel zu früh verstorbener Landsmann Falco und dessen unwahrscheinliche charmante Arroganz auf der Bühne.

Vor ihrer Satire ist niemand sicher – weder Freunde noch Feinde, auch nicht ihr Publikum. Und manchmal tritt sie auch Minderheiten, Frauen und Juden auf den Fuß.

Sie provoziert und ist eine der umstrittensten Künstlerinnen unserer Zeit. Regelmäßig rufen Äußerungen von ihr Shitstorms in den sozialen Medien hervor. Was sie aber relativ kalt lässt, weil sie davon wenig mitbekommt. Nach eigenen Aussagen lehnt sie Social Media ab.

Die österreichische Kabarettistin scheut sich nicht vor Tabubrüchen. Sie zieht vom Leder gegen politische Korrektheit und ihre Witze gehen vielen zu weit. Ihr wird Antisemitismus vorgeworfen und es gibt immer wieder Diskussionen darüber, was man satirisch sagen darf und was nicht.

Und nun bin ich richtig gespannt und neugierig auf Lisa Eckart live und in Farbe

Die Show beginnt

Das Licht geht aus. Die österreichische Kabarettistin betritt unter Beifall auf die Bühne. Sie ist bei weitem nicht so groß, wie es im Fernsehen erscheint. Aber sie wirkt noch schmaler, fast zerbrechlich in ihrer eng anliegenden schwarzen Lederhose und der edlen Lingerie in unschuldigem Weiß. Ihre Haare sind heute unter einer schwarzen Baskenmütze versteckt, nur ein paar blonde Strähnen linsen frech heraus.

Ihr nahezu ätherisches äußeres Erscheinungsbild erhält einen jähen Bruch, als Lisa Eckart  ihre Stimme erhebt: unüberhörbar, akzentuiert, klar in ihrem unnachahmlichen Stil mit österreichischer Klangfarbe.

Und dann legt sie los: wie schön es ist, endlich nach so langer Pause wieder vor Publikum aufzutreten. Merkwürdig ist es für sie nur insoweit, dass die Auszeit diesmal der Pandemie geschuldet war. Lisa Eckart war es eigentlich eher gewohnt, wegen ihrer Person abgelehnt zu werden und nicht auftreten zu können. Klar, dass sie den einen oder anderen Kommentar zu Corona im Allgemeinen, der Maskenpflicht und möglichen Ursachen und Wirkungen abgibt. Covid 19: War die Verbreitung unanständiges Verhalten oder gar die Negierung aller Regeln?

Lisa Eckart „Die Vorteile des Lasters – ungenierte Sonderausgabe“

Gott ist tot und nun? Es war ja nicht alles schlecht unter seiner Herrschaft. Gut war, dass jeder wusste, dass er in allem, was er tat, sündigte. Einmal zur Beichte, ein paar Ave Maia und alles war verziehen. Wenn die Sünde dann doch etwas größer war, halfen Ablässe, um sich freizukaufen. Damit war in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen das perfekte Last-Minute-Geschenk geboren und gern gesehenes Mitbringsel.

Nun sollte das alles nicht mehr gültig sein? Jedes Laster ist fortan opportun und straffrei.  Keiner muss jetzt mehr die Hölle fürchten, was eine gute Gelegenheit ist, sie für eventuell sich wieder ändernde Zeiten gründlich zu sanieren.

Niemand muss sich mehr entsagen. Nun ist alles erlaubt. Völlerei wird von All-Inklusive-Büfetts oder Flatrates ersetzt. „Begehre nicht Deines nächsten Weib“ wird abgelöst durch polyamore Beziehungen. Jeder kann werden, was er will, egal wie er ursprünglich das Licht der Welt erblickt hat.

Eindeutig ist die Künstlerin auch für Gender Toiletten, nur dass sie eine etwas andere Einteilung jenseits der Geschlechter empfiehlt – nämlich nach Art des „Geschäftes“. Jeder, dessen Blase gedrückt hat, ist doch schon mal schier vor einer besetzten Kabine verzweifelt, wenn dort eine „Sitzung“ stattfand.

Lisa Eckart beklagt, dass „Faust“ von Goethe still und heimlich mit merkwürdiger Begründung aus allen Lehrplänen gestrichen wurde, während andererseits Winnetou in die ewigen Jagdgründe geschickt werden soll. Grund dafür ist  angeblich kultureller Aneignung Dies geschieht unter großer medialer Begleitung.

So geht es weiter Schlag auf Schlag. Die Künstlerin macht vor kaum einem Thema halt. Sie fordert die Besucher heraus, zeigt mit dem Finger auf die Wunde und bohrt darin, stellt provokante Thesen auf. Aber sie macht vor allem eins – Ihr Publikum gut zwei Stunden zu unterhalten und zum Nachdenken zu bewegen. Die frenetisch verlangte Zugabe gibt sie gleich freiwillig – wer weiß, wie lange Auftritte noch möglich sind.

Lisa Eckart Privat

Lisa Eckart ist verheiratet und hat einen 14 Monate alten Sohn. Seit 2020 lebt sie in Leipzig und genießt dort mit ihrer Familie das nahezu pittoresk anmutende Leben. Paris und Berlin haben sie zu sehr abgelenkt und überfordert.

Lisa Eckart im Tipi am Kanzleramt

Lisa Eckart – Kritik

Ein kabarettistisches Erlebnis der Sonderklasse. Wortwitz, Provokation und spielerischer Umgang mit der deutschen Sprache in Hochkultur. Ich fühle mich trefflich unterhalten. Das Publikum im ausverkauften Tipi am Kanzleramt ist ebenfalls begeistert und geht voll mit.

Nach Ende der Vorstellung signiert Lisa Eckart im Foyer ihre Bücher „Omama“ und „Boum“ – jetzt nahbar, mit einem Lächeln im Gesicht, auf ihre Leser eingehend. Die Schlange der Käufer ist lang.

Wer jetzt neugierig geworden ist: Es gibt noch einige Vorstellungen in Leipzig, Dresden und anderen deutschen Städten sowie in Österreich und der Schweiz.  Die letzte Gelegenheit, sich das Programm „Die Vorteile des Lasters – ungenierte Sonderausgabe“ in Berlin anzuschauen, ist der 17. November 2022. Wegen der großartigen Resonanz und Kartennachfrage zieht das Tipi am Kanzleramt einmalig in den Admiralspalast.

 

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